Wer hat‘s verdient?
Nicht immer ernten die Richtigen den wissenschaftlichen Ruhm
Zwei Grundprinzipien wissenschaftlicher Arbeit finden sich bereits im Neuen Testament. Im Matthäus-Evangelium heißt es nämlich: „Wer da hat, dem wird gegeben werden, und er wird die Fülle haben; wer aber nicht hat, dem wird auch, was er hat, genommen werden.“ Dieser Vers 29 im Kapitel 25 beschreibt in seinem ersten Teil den „Matthäus-“ und im zweiten den „Matilda-Effekt“. Wichtig zu wissen: Teil eins betrifft typischerweise Forscher, Teil zwei vor allem Forscherinnen. Beide Effekte halten jeder empirischen Prüfung stand, Ausnahmen bestätigen die Regel.
In seinem Aufsatz „The Matthew Effect in Science“, erschienen 1968 im renommierten Magazin Science, zeigte der amerikanische Soziologe Robert Merton, dass Erfolg zu immer weiterem Erfolg führt. Er bewies das anhand anonymer Befragungen von Nobelpreisträgern (sic!). Einer davon sagte beispielsweise: „Wenn ich meinen Namen zuerst nenne, denken alle, die anderen seien allenfalls technisches Personal … Wenn mein Name an letzter Stelle steht, schreibt man mir das Ganze ohnehin zu.“
Den Teufel zieht es eben stets zum größten Haufen. So hatte der Physiker Robert Millikan nach seiner Auszeichnung im Jahr 1923 mehr als ein Dutzend weiterer Preise und 20 Ehrenwürden anderer Universitäten bekommen. Harold Urey (Nobelpreis für Chemie 1934) erzählte, dass er nach der Verleihung eine finanzielle Förderung erhielt, die „vier- bis fünfmal über dem Preisgeld“ lag. „Einmal Nobelpreisträger, immer Nobelpreisträger“, subsumierte Merton richtigerweise.
Apropos Nobelpreis: Wir wissen längst, dass es dabei nicht immer gerecht zugeht; womit wir beim Matilda-Effekt sind. Die amerikanische Frauenrechtlerin Matilda Joslyn Gage hatte das Phänomen schon 1893 beschrieben, 1993 benannte die Wissenschaftshistorikerin Margaret W. Rossiter es zu ihren Ehren. Der Matilda-Effekt beschreibt die systematische Unterschlagung der wissenschaftlichen Leistungen von Forscherinnen (sic!).
So hätte der Nobelpreis für Chemie 1944 unbedingt auch Lise Meitner zugestanden. Doch obwohl sie maßgeblich an der Entdeckung der Kernspaltung beteiligt war, war sie als Frau und Jüdin chancenlos. Rosalind Franklin, die die Theorie zur DNA-Struktur bestätigte, musste sogar erleben, wie zwei Forscher ohne ihre Zustimmung ihre unveröffentlichten Daten nutzten und dafür den Nobelpreis für Medizin bekamen. Das sind nur zwei prominente Beispiele von vielen. Sicher ist: Es trifft viele Forscherinnen, nicht nur (potenzielle) Nobelpreisträgerinnen.
Ein Bonmot zum Schluss: Robert Merton, Autor jenes „The Matthew Effect in Science“, musste 1973 einräumen, „dass ich in einem solchen Ausmaß auf die Interviews und andere Materialien der Zuckerman-Studie zurückgegriffen habe, dass die Arbeit eindeutig unter gemeinsamer Autorenschaft hätte erscheinen müssen“. Gemeint war seine Doktorandin Harriet Zuckerman.
PS: Heute verstärkt die Künstliche Intelligenz derlei Ungerechtigkeiten. Denn die Algorithmen werden mit Daten der Vergangenheit trainiert und reproduzieren solche Bias.